15. Juli 2016

Rahmentext: Aus dem entstehenden Projekt „Aus dem Frühling unseres Missvergnügens“ teile ich Ihnen, liebe Gäste und Besucher meiner Homepage, ein neues Fragment mit.

Harald Seubert,

Der neue deutsche Antisemitismus. Eine Intervention.

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Die Reflexionen zur Zeit müssen sich auf ein Phänomen und zugleich Phantom richten, das in Deutschland in einer Weise  um sich greift und sich mit „identitärer Bewegung“ und dem Fokus der AfD verbindet. Dahinter werden tiefere mentale Prägungen sichtbar, die der Aufdeckung bedürften.

Das auslösende Skandalon ist, dass der rassistische und verschwörungstheoretische Antisemitismus des baden württembergischen AfD- Landtagsabgeordneten Gedeon in den verschiedenen, durch abstoßende Intrigen einander verbundenen Führungsgremien dieser Partei nur zu einem innerparteilichen Machtpoker verwendet wird. Dass antijüdische und antiislamische Feinderklärungen in der Art Gedeons in sich selbst ein barbarischer  Akt sind, der in keiner Weise, auch nicht in nächtlichen Stammtischbesäufnissen erduldet werden darf, kommt in den Afd-Statements nicht zur Sprache. Auch die Gedeon kritisieren, wie der Fraktionsvorsitzende Meuthen, verbinden sich ihrerseits mit Personen wie Herrn Höcke, deren Rassismus offen zutage liegt. Unter der Codierung „Man wird doch noch sagen dürfen“ – wird auch hier erprobt, wie weit man die Duldsamkeit der öffentlichen Meinung verschieben kann. Es bedürfte des zeitdiagnostischen und denkerischen Ingeniums eines Karl Kraus, um diesen Mechanismus freizulegen. Er ist widerwärtig und bösartig und erfordert eindringlichen Widerspruch.

Wer Werte und Würde verteidigen möchte, wer für Rechtstaatlichkeit und Humanität, für die Bewahrung des Bewahrenswerten auch gegen technologische oder utopistische Furien des Verschwindens eintritt, wer in diesem Sinn konservativ ist und wer interkulturelle Gespräche zwischen Muslimen und Christen sucht, muss sich an der Frage des Judentums und nicht zuletzt an seiner Positionierung zu Israel messen lassen.

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Antisemitismus tritt bekanntlich fast niemals offen auf. Auch hier gilt die duckmäuserische Haltung des „man wird ja noch sagen dürfen“. Linker Antisemitismus, der  im Radikalumfeld  von Teilen der 68er Bewegung und dann innerhalb der RAF laut wurde und unmittelbar, wenn auch sich selbst nicht bewusst,  an die Vernichtungsmentalität der Väter anknüpfen konnte, war nach eigener Aussage immer Antizionismus. Rechter Antisemitismus ist es nicht weniger und auch islamistischer Antisemitismus versteht sich so. Jeder Antisemit seit der NS-Führungsphalanx nennt einzelne Juden „liebenswert“. Göring hatte seinerzeit dekretiert: „Wer Jude ist, bestimme ich“. Auch die weltweiten islamistischen Terroraktionen bedienen sich desselben Schlüssels. Hisbollah oder verwandte Organisationen votieren in ihren Pamphleten gegen Israel. Doch in aller Welt werden jüdische Menschen, werden Synagogen und andere Institutionen zu Opfern schrecklichsten Terrors. Dass sich in Europa und zumal in Deutschland diese Tendenzen wieder Artikulation verschaffen, dass sie im  Netz und auf verschiedenen Verschwörungsplattformen sich offen artikulieren, ist schlicht widerlich. Hier müssen Debatten schweigen. Damit ist auch die Frage aufgeworfen, inwieweit der deutschen Pazifizierung, dem antitotalitären Konsens und der Selbsteinsicht nach 1945 zu trauen ist.

Ist für weitere Teile verschiedener Altersgruppen der deutschen Bevölkerung der Firniss nicht doch noch dünn, hinter dem das Ressentiment lauert? Ist bei aller eingeübten Betroffenheit auch die eine Bereitschaft und Fähigkeit da, jüdisches Leben und Engagement zu schützen, wenn es darauf ankommt. Gegen seine Vernichter und Bedroher, von wo sie auch herkommen`? Dies sollte ohne Überidentifikation geschehen und doch in Leidenschaft. Die Shoah, die große Katastrophe ist ein Weltkulturbruch. Vor allem in der deutschen Geschichte ist er ein Bruch.  Die Fortführung von Macht- oder Gleichgewichtsspielchen, als hätte es diese Zäsur nicht gegeben, ist schlechterdings zynisch. Überidentifikation ist deshalb nichts wert, weil sie den Lackmustest der Treue nicht aushält.

Für Juden und Nicht-Juden in der Mitte Europas, zumal in Deutschland, ist die Große Katastrophe von inkommensurabler  Art. Sie ist aber für beide eben dies: der große Bruch. Dies bedeutet nicht, dass es nicht Traditionskontinuitäten geben könnte, vielleicht sogar gemeinsame, bei denen man aber die Ermordeten mitdenken musss. Jüdisches Leben in Deutschland und die Rückkehr durch  Traumata und Vernichtung hindurch zeigt, dass das Grauen nicht lähmen muss. Doch mitgedacht und empfunden werden muss es. Schmerzend, brennend, vernarbt. Dies ist die Dimension, die Karl Jaspers mit „metaphysischer Schuld“ bezeichnete. Sie bleibt. Und kann doch, fallweise und spezifisch, in Gesten der Freundschaft oder gar der Liebe vergeben werden. Denn wirkliche Vergebung ist, wie Derrida wusste, nur angesichts der eigentlich unvergebbaren Schuld geboten. Fast unmöglich ist das Gespräch zwischen Opfern und Tätern – und kann doch sein. Die Vergebungskraft christlichen Glaubens hat eben hier ihre strahlende Mitte.

Die Shoah ist nicht ein historisches Ereignis neben anderen, dem sich Gleichgewichts- oder Militärhistoriker zuwenden könnten. Sie ist auch nicht ein zu volkspädagogischen Zwecken zu erzeugender Mythos. Sie ist blutende Realität, die normative Folgen hat. Wenn Adorno in seinen späten Frankfurter Ethik-Vorlesungen und als Vorübung einer Moralphilosophie,  die er seines vorzeitigen Todes wegen, nicht schreiben konnte, dies, dass Auschwitz sich nie wiederhole, als veränderte Form des Kategorischen Imperativs begriff, meinte er, dass der grundlegende metaphysische Selbsterweis menschlicher Freiheit an dieses Ereignis geknüpft werden müsse.

Eine conditio humana wäre also, wenn man Adorno folgt, ohne dies nicht möglich. Dies bedeutet nicht, dass nicht auch andere gravierende antihumane Aktionen, die das Menschsein des Menschen grundsätzlich in Frage zu stellen drohen, jeglicher Völkermord oder der Einsatz der Atomwaffe einem unbedingten Verdikt unterliegt. Doch die planmäßige Auslöschung jüdischer Religion und Ethnizität, die kaum voneinander zu trennen sind, die Gegenerwählung eines arischen Herrenvolks ist ein Verbrechen singulärer Art.

Heruntergebrochen auf die Ebenen operativer Politik, bedeutet dies, dass schon die gönnerhaften Reden über ein „Existenzrecht Israels“ in die verfehlte Richtung gehen-, als müsse man einziger diesem bedrohten und umzingelten, auch auf weitere Entfernungen hin eine Selbstverständlichkeit einräumen. So wenig man zum naiven Zionismus neigen sollte, so wenig hilfreich manche evangelikale heilsgeschichtliche Aufladungen Israels sind, so eindeutig muss die Positionierung geschehen. Und trivialerweise, überflüssig es zu betonen, wird diese Grundübereinstimmung keineswegs bedeuten, mit jeder Einzelposition israelischer Regierungen d’accord zu gehen.

Doch klar zu betonen ist auch, dass innerjüdische Zweifel und Kontroversen um den Staat Israel nicht legitimerweise im Sinn seiner Infragestellung missbraucht werden dürften.

Dass die Versprengten, heimatlos Gemachten diese staatlich verfasste transitorische Heimat errichtet haben, ist selbst mit Kant eine Art „Geschichtszeichen“ – und es ist selbst eine partikulare Gründung von universaler Dimension. Es ist auch Lebenszeichen und Epitaph der Toten. Es ist – unreduzierbar.  

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Was Papst Benedikt 2006, also vor mittlerweile zehn Jahren, in seiner Rede in Auschwitz festhielt, dass sich an diesem Ort entscheide, welche Wege gangbar sind und welche nicht, muss für die deutsche und europäische Politik und alle ihre Zielsetzungen gelten. Es muss auch für Islamverbände und jede Form von fundamentaler religiöser Selbstartikulation gelten – in einer Katharsis, die unerlässlich ist.

Einer der großen Konservativen im Nachkriegsdeutschland, der Verleger Axel Caesar Springer, hat in die Maximen seines Pressehauses die Freundschaft zu Israel eingeschrieben. Übrigens auch eine transatlantische Ligatur. Dies scheint heute nicht mehr ohne weiteres selbstverständlich zu sein.

Übel an dem identitären vermeintlich „abendländischen“ Stimmengewirr ist, dass es von dieser klaren und aufklärerischen Dimension nichts wissen will, stattdessen in Verschwörungstheorien gräbt und die ‚Protokolle der Weisen von Zion‘ zu neuer Netzaktualität bringt.

Deutscher politischer nationaler Konservatismus oder was sich dafür hält, lamentiert über seine Einflusslosigkeit. Es ist ihm aber ins Weite nicht hinreichend gelungen, sich von Ressentiment und Rancune zu lösen.

An AfD und PEGIDA zeigt sich, wie prekär diese Lage ist. Fraglich ist aber, ob ritualisierte Abwehrmechanismen reichen, ob nicht eine neue, frische, unideologische, parteien- und richtungenübergreifende Aufmerksamkeit erforderlich ist. Jene Bewegungen jedenfalls, die einen latenten oder offenen Antisemitismus, den man wohl noch sagen darf, favorisieren, haben mit dem eigentlich Bewahrenswerten nichts gemein.

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David Nirenbergs magistrales Werk, Antijudaismus. Ein andere Geschichte des westlichen Denkens. München 2015 hat die großen Linien der Absonderung ausgezogen. In der Mitte Europas kulminieren sie im Vernichtungsantisemitismus, ungeachtet der kulturprägenden Kraft jüdischer Denker, Künstler, Philosophen. Ohne sie wäre die europäische, wäre zumal die deutsche intellektuelle Landschaft nicht zu denken. Intellektuell sollte es aller Anstrengung wert sein, die Bezogenheit und die Spannung von, kürzelhaft, Athen und Jerusalem, neu zu buchstabieren. So erst wird man den metaphysischen Antijudaismus Heideggers, der keinesfalls eine nichtige Privatangelegenheit ist, und so erst die Freund-Feind-Relationen Carl Schmitts angemessen neu buchstabieren. Diese intellektuellen Desiderate fallen in einer Zeit besonders auf, in der in Deutschland wieder möglich wird, was doch unmöglich bleiben muss. Ein für alle Mal.