30. Dezember 2015

Deutsche Literatur und humane Skepsis

Zum Tod von Karl Bertau

Karl Bertau, der am 24. Oktober 2015 kurz vor seinem 88. Geburtstag starb, war von Haus aus Altgermanist. Doch er war viel mehr. Als leidenschaftlichem Philologen ging es ihm um die Liebe zu Wort und Wörtern, zu Texten und Autoren, alten und neuen. Wer vom lange Vergangenen spricht, muss zugleich ganz modern sein: Das war eines seiner Credos, gelebt und manchmal, an der Pfeife ziehend, leise, fast zögernd ausgesprochen.  Literatur verstand er auch als Spiegel, in dem man sich wiedererkennen und in dem man Verfremdung erfahren kann. Sein Interesse an ihr war weder nur ästhetisch noch nur existentiell.  Hegels Satz, dass Form in Inhalt, Inhalt in Form umschlägt, machte er sich zur Maxime. Deshalb waren seine  Deutungen so faszinierend. Er war ein unaufdringlicher Sprachvirtuose, seine Übersetzungen wogen die alten Sätze und gaben ihnen eigenen Glanz und Vielstimmigkeit.

Das frühe zweibändiges Hauptwerk über „Deutsche Literatur im europäischen Mittelalter“ (1972-73) folgte schon im Titel erkennbar der Spur des Opus magnum von Ernst Robert Curtius und deutete es zugleich um. Denn  Bertau ging es nie nur um Ideen und Topoi, sondern auch um Realgeschichte. Er wollte wissen, wie die fremde mittelhochdeutsche Dichtung aus ihren Zeitläuften zu verstehen ist  und wie sie doch aus dem Zeitenabstand unmittelbar spricht – zum Beispiel die fürchterliche „Klage“ , Anhang des Nibelungenlieds, oder ‚Der Ackermann und der Tod‘ des Johannes von Saaz: „Wenn der Mensch geboren ist, ist es Zeit für ihn zu sterben“.

Bertau lehrte immer Vergleichsperspektiven, europäische und Weltliteratur – dies trieb einigen Generationen künftiger Gymnasiallehrer den Provinzialismus aus.

In dosierter Form nahm er marxistisch-materialistische Überlegungen auf. Doch nie reduzierte er Kunst auf Überbau, auch als dies modisch war. Er war hochmusikalisch – Wagner deutete er, wie Baudelaire oder Thomas Mann 1933, von der Dekadenz her, zum Gläubigen taugte er auch in diesem Feld nicht.

Am Anfang seiner Laufbahn legte er das Opus magnum vor, Programmschrift und Summe mit hohem Anspruch. Das ist gefährlich. Doch er griff immer wieder auf die kleine Münze der Detailbeobachtung zurück – und verlangte dies auch von seinen Hörern, ein strenger und gleichwohl inspirierender akademischer Lehrer. So sind weitere fulminante Studien entstanden: über Wolfram und die Subjektivität, über Frömmigkeit und Weltverlust, über Schrift, Macht und Herrlichkeit in interkultureller Dichte.  

Bertau liebte theoretische Debatten. Er verwendete sie dazu, klarer sehen und begreifen zu können, was Texte sagen. Er blieb nie im Allgemeinen. Die Wahrheit war für ihn konkret.  Der Geist hing am Buchstaben; dass er noch in der Pionierzeit und vor der Einführung des PC in Göttingen am  Grimmschen Wörterbuch mitgearbeitet hatte, war eine bleibend prägende Schule. Und zugleich widmete er sich aufregend früh dem Strukturalismus von Lévi-Strauss,  er rezipierte Benjamin und Adorno – und er befasste sich immer wieder, ironisch und betroffen, mit der  Psychoanalyse.

In keinem Bereich war er Doktrinär, vielmehr Beobachter, der es immer genauer wissen wollte als die eingeschliffenen Schuldebatten. Er lehrte, wie man fragen und die Autorität von Großordinarien bezweifeln kann. Seine Zweifelfähigkeit war radikal philosophisch. In der  Bologna-Universität wäre sie kaum mehr denkbar.    Man dürfte nicht „im Allgemeinen“, „überhaupt“ vom Menschen reden: wenn man ihn dies mit zurückhaltendem, leicht pommerschem Ton sagen hörte, wird man es nie mehr vergessen.  Solche Maximen lösten sich in seiner menschlichen Aufmerksamkeit und Achtsamkeit ein.  Ich verdanke ihm viele halbe Stunden des Gesprächs nach den Seminaren, obwohl ich im engen Sinn nie sein Schüler war. und ihm früh sagte, dass ich mich nie der Älteren Literatur widmen würde.

Bertau hatte die letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs als Soldat überlebt, auch die Kriegsgefangenschaft. Er misstraue den Deutschen, sagte er einmal. Er war mit Paul Celan wirklich befreundet gewesen- und wusste natürlich, dass seine eigene Identität und Profession den deutschen Fragen nicht entgehen konnte. Etwas gemindert wurde dies dadurch, dass er in der französischen Sprachwelt genauso zuhause war wie in der deutschen. Ein Lektorat in den sechziger Jahren in Aix-en-Provence, der erste Lehrstuhl in Genf gingen der Erlanger Zeit voraus. Die fränkische Stadt liebte er nur bedingt und mit Distanz. Ihrer Universität indes, deren überzeugter Bürger er war,  gab sein Name, neben anderen in den siebziger und achtziger Jahren, Klang und Geltung. Seit 1989 war er Mitglied der Bayrischen Akademie der Wissenschaften.

Karl Bertau konnte kühl sein, abweisend, seine Kritik scharf. Er konnte fördern und fordern. Er ließ einen spüren, wenn man unter dem Niveau geblieben war und er interessierte sich – nicht nur pädagogisch – für die gärenden Gedanken des Anderen. Wenn man ihm einen Fund zeigte, der wirklich einer war, war er zu begeistern. Nie hat er sich inszenieren müssen. Wer hören und sehen konnte, spürte, dass man es mit einem großen Gelehrten und Menschen zu tun hatte, einem der tiefe Gründe und Abgründe kennt. Noch im hohen Alter hielt er Freitags mittags seine Vorlesungen, leise, wortgenau, bestimmt und fließend.

Er hatte das Potenzial zum Lyriker und zum großen Romancier der Comédie et Tragédie humaine. Unvergesslich, wie er ‚Familienbande‘ entschlüsselte, die festgelegten Muster, die doch zur Individualität Raum geben.  Vielleicht wird aus dem Nachlass noch einiges zum Vorschein kommen.  Denn Karl Bertau überraschte immer. Er hat einem Zeit gegeben zum Gespräch. Nun ist sie abgelaufen – das ist ein ungeheurer Verlust.   

Harald Seubert.