09. Januar 2016 

Nicht mein Konservatismus! Eine Zwischenbemerkung [1]

I.

Die Zeiten werden schwieriger, Realitäten berühren Konzepte und weisen vor allem auf deren Fehlen als neuralgisches Phänomen der Gegenwart hin.  Migrationsströme in vorher nicht gekanntem  Ausmaß prägen das Antlitz des frühen 21. Jahrhunderts. Dies hat für alle Teile der Welt gravierende Folgen. Die One World der Gegenwart ist nirgends mehr ein sicherer Ort. Verfolgten Asyl zu gewähren, ist republikanische Pflicht, die Kenntnis der Grenzen eigener Leistungsfähigkeit muss aber hinzukommen, im Wissen, dass es das heilige, unberührte Asylon, den heiligen Ort, nirgends mehr geben kann. Zwischen Gastrecht und dauerndem Aufenthaltsrecht ist zu unterscheiden – eine Lektion, die man vortrefflich aus Kants Text zum ‚ewigen Frieden‘ lernen kann. Das in diesen Wochen viel gehörte Diktum, dass die Fluchtursachen in den Herkunftsländern zu bekämpfen seien, ist richtig. Es gleicht aber bei den vielfachen Krisenbögen, die die gegenwärtige Welt, auch als „Fluch der bösen Tat“ (Scholl-Latour) bestimmen und die auch die Realitäten  zwischen islamischen Staaten, islamistischen Bestrebungen im Sinn eines wiederhergestellten Kalifats und den neuen Schreckenswelten des IS-Terrors prägen, der Quadratur des Kreises.

Die Rendezvous mit der Realität werden ernstliche Lektionen erfordern. Sie werden dazu nötigen, Phrasen und manichäische Unterscheidungen des Guten vom Bösen hinter sich zu lassen. Dergleichen ist für Politik, das beharrliche Balancieren und Problemlösen, untauglich.  Die neuen Gegebenheiten  werden auch dazu nötigen, die eigene Identität in der Tiefe neu zu entwickeln, in Kulturachtung und Skepsis gegenüber sich selbst und den Anderen.

Niklas Luhmann wies darauf hin, dass die Moralisierung der Wirklichkeit „polemogen“ sei. Sie erzeuge also unter Umständen den Stoff, aus dem Kriege und Konflikte gemacht sind.

In the long run wird es freilich eines  neuen Ethos bedürfen: Des Ideals einer „geeinten Menschheit“ (Sri Aurobindo), wenn die einander immer näher rückenden Kulturwelten der Einen Welt einander verstehen sollen, und dies auf verschiedenen Ebenen: von der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, über die unverzichtbare Austarierung eines weltweit geltenden Rechts und seiner Bestimmungen bis zu einem Weltethos und einem Tiefengespräch über religiöse und ethische Verwurzelungen.

Ernstfall ist diese Lage nicht nur in geostrategischer Sicht. Das auch. Hier wird nämlich deutlich, dass Kriege nicht mehr erklärt werden (I. Bachmann) und auch nicht mehr zu gewinnen sind.

Ernstfall ist es auch für die Kulturbegegnung selbst, die an Hölderlins Diktum: „…seit ein Gespräch wir sind und hören können voneinander“ anschließen muss – wissend, dass das Gespräch abreißen kann, dass es aber auch „zum Gesang“ werden könnte.

II.

Zweierlei Extrem erweist sich vor diesem Hintergrund als schwerwiegender Irrtum: Die Illusion, man könne die notwendigen Debatten umgehen, Differenzen und Schwierigkeiten der Kulturbegegnung in einer flachen Rhetorik ausblenden und mit Selfies die Wirklichkeiten wegkonstruieren.

Doch auch die umgekehrte, zunehmend mobilisierende Tendenz, die alte Ressentiments wieder weckt und im Namen des unverstandenen Abendlandes Bastionen errichten will, ja die mit biologischen Rasseressentiments einen Bürgerkrieg herbeiredet und nichts lieber hätte, als dass der Zunder bald entbrennt, ist von Grund auf abzulehnen. Die Rede, die der Thüringer AFD-Vorsitzende Björn Höcke vor dem Institut für Staatspolitik gehalten hat, führt in ein Bürgerkriegsnirwana. Diesen und ähnlichen Tendenzen kann im Namen eines Universalismus, der zugleich die Würde des Partikularen, des eigenen und des anderen, beachtet, nur  entschieden widersprochen werden. Einem rechten Think Tank, der sich zum Forum jenes Ressentiment-Rassismus macht, sage ich formell und definitiv: Nein. Das Tuch ist zerschnitten.

Mit späten Adaptionen an den Zeitgeist hat dies nichts zu tun, wohl aber mit der Verantwortung, die die Kehrseite der freien Rede ist.

III.

Es bedarf für die wahrhaft Notleidenden und Traumatisierten nicht nur sicherer Unterkünfte und weitergehender Integrationshilfe, an der vielfach unprätentiös und entschieden gearbeitet wird. Es bedarf klarer rechtlicher Reglements, einer interkulturellen Kompetenz, die Illusionen, die von Schleuserbanden genährt wurde, aufweist und zeigt, was in Europa geleistet werden kann und was nicht. Vor allem bedarf es aber eines Tiefengesprächs der Kulturen und Religionen, da die Welt eine gespalten- eine ist. Diese humanökologische (R. Bahro) Aufgabe, auf dem Weg zu einem „großen Frieden“, ist längst nicht mehr esoterischer Traum. An ihr wird sich auch die Realität entscheiden, da die neuen Terror-Konflikte, wenn sie einmal entfesselt sind, kaum mehr einzuhegen sind.

Den eigenen Kern zum Leuchten und in das Weltgespräch einzubringen, kann keine Weltkultur und –religion einer anderen abnehmen: So bleibt christlicher Glaube zum Zeugnis einer Liebe und Toleranz aus der Gottebenbildlichkeit verpflichtet, europäische Humanität zu einer Verantwortungsethik, die Freiheit und Sicherheit in eine verantwortete Balance bringt.

Zur Kenntlichkeit kommen sollten damit auch Religionen: Im Kern ihres Gottes- und Menschenverständnis. Realpolitik und der Blick in die Tiefen schließen einander nicht länger aus. Die Phrasen, wie immer sie orientiert sind, zu vermeiden, kann der Beginn einer ‚zweiten‘, tieferen Aufklärung sein, die die Standards des Universalismus der ersten nicht unterschreitet.


[1] Diese Überlegungen sind Teil meines neuen Buchprojektes Weltphilosophie. Ein Entwurf.